poetry in progress


Lieblingskatze


Als ich noch mein kleines Bauernhaus an der Weinstraße hatte, lebte in meiner Nachbarschaft eine alte Frau mit ihrer Katze. Oh, diese Katze! - sie war das faszinierenste Tier, das mir je untergekommen ist:

Während die kleingewachsene Alte an verstaubtes Dörrobst erinnerte, beeindruckte die Katze durch ihre imposante Erscheinung. Groß und mächtig schob sie stolz ihren Bauch beim Gehen vor sich hin, doch ihrer Fülle zum Totz zeugten ihre Bewegungen, vor allem ihre Sprünge zeitweise von hoher Geschmeidigkeit. Aus wachen blauen Knopfaugen verfolgte sie listig wie ein Luchs das Geschehen um sich. Von der Alten umsorgt und umhätschelt, schien sie dieser ihre Bemühungen mit all der Zuneigung, zu der ein von Natur aus treuloses Wesen fähig ist, zu danken, wiewohl ihre hungrigen Blicke, sooft sie am Fenster saß, sehnsüchtig in die nähere Ferne schweiften und sich öfters glasig in der Leere verloren. Wenn ein Sonnenstrahl über ihr dichtes fell glitt, das die Farbe von Waldhonig hatte, konnte es wie dunkles Gold aufblitzen und es war als ob das Licht selbst verliebt dieses Fell streichelte. Verjüngt durch die Liebkosungen der Sonne, räkelte sich das Tier genießerisch und putzte sich ein wenig eitel auf der Fensterbank - besonders, wenn ich am Fenster vorbeiging. Ich konnte ihren bebenden Wunsch ins Freie zu mir zu entwischen auch durch das dicke Fensterglas spüren und meine eigene Katzennatur fühlen. Gelegentlich ergab es sich, dass die Alte der Katze kurz Auslauf gewährte, den das Tierchen dann dazu nützte, an meinen Beinen vorbei zu streichen und sein Honigfell ausgiebig an meinen Fesseln zu reiben. Streichle mich, Hand, liebe mich, große weiche Zunge, schienen die gierigen, runden Augen zu flüstern, aber ihr Flüstern war nie leise genug, denn die Alte vernahm die stille Botschaft fast zeitgleich mit mir und bewaffnet mit rosafarbener Lederleine wieselte herbei um ihren Besitz zu verteidigen und zu sichern. So ging der kätzische Wunsch nach einer jungen Streichelhand niemals in Erfüllung. Manchmal trafen wir einander in der Dämmerung unserer unschuldigen Träume, die nur ihr und mir allein gehörten. Denn in der anderen Realität wachte die Alte unentwegt eifersüchtig über ihren einzig wertvollen Besitz.


Die schönste aller Katzen


Zwei Schwestern lebten in einer frisch geweißten Vorstadtvilla, umgeben von gebändigtem Grün. Ich versank immer wieder vom Duft ihres Sommerflieders betäubt in Tagträume. All meine Phantasien kreisten um sie. Niemals habe ich ein so schönes so kokettes Wesen gesehen. Königlich thronte sie auf den altdeutschen Möbeln der Schwestern und blickte aus verhangenen Bernsteinaugen auf ihre Dienerinnen. Die adretten Schwestern buhlten um ihre Gunst, welche sie einmal dieser dann wieder jener schenkte. sie ließ sich von Mia das Futter reichen und kroch in der Dunkelheit zu Maya ins Bett, schmiegte ihr feines, langes, blaues Fell zwischen ihre Schulter und ihren Kopf und verfiel in diskretes Schnurren. Tags darauf saß sie genussvoll auf Mias Schoß und spielte mit dem Saum ihres Rockes. Sie spielte sie gegeneinander aus. Ich habe einige blaugraue, blaubraune, blauschwarze Felle gesehen, aber ihres war mitternächtliches Indigo, von dem mir schwindelte. Sie berührte die Erde nicht beim gehen, sie bewegte sich mit der Leichtigkeit einer Abendbrise. Die Luft vibrierte in ihrem Fell. Der Mond verblasste neben den Sternschnuppen in ihren Augen. Ihr leise hohes Miau weckte Beschützerinstinkte. Die Schwestern kämpften gegeneinander um sie. Eine versuchte die andere auszustechen, ein Bemühen, das von keinem Erfolg gekrönt wurde. Die grausame Königin herrschte über beide und erbaute sich am Wettkampf ohne die Siegerin zu küren. Keine der beiden wollte sie mit der anderen teilen. Die ungeteilte Liebe der Schönen war ihr einziges Ziel. Als sie erkannten, dass dies so unerreichbar war, beschlossen einander zu töten. Maya mischte Mia eine Überdosis Codein in den Rotwein. Während Mia einschlief, lähmte das Gift ihre Lungen. Maya verzehrte auf ihren Sieg ein paar Lachssandwiches, nicht ahnend, dass sich in den Brötchen pulverisierte Betablocker verbargen. Worauf ihr das Herz den Dienst verweigerte. An jenem Tag umschwebte das Tier die beiden umsonst. Keine erhob sich um sie zu umwerben, zu verwöhnen, um ihr die Pastete mit Dill zu servieren.
Man fand die Schwestern eine Woche später. Nach der Katze suchte ich vergebens. Nur manchmal meinte ich nachts ihre blauen Umrisse am Dach zu sehen. Ein anderes Mal funkelten mir ihre Bersteinaugen aus der Dunkelheit entgegen. Doch ehe ich sie erhaschen konnte, verschwand sie wieder in der Rabenschwärze.